Daheim!
27. Februar 2009Bin wieder da! ![]()
Bin wieder da! ![]()
Mit neuen Vorsaetzen mache ich mich auf den Heimweg. Hier noch ein Essay, das mich begleitet hat.
A Case for Utopia
by Peter Maurin
co-founder of the Catholic Worker movement
The world would be better off
if people tried to become better,
and people would be better
if they stopped trying to become better off.
For when everyone tries to become better off,
nobody is better off.
But when everyone tries to become better
everyone is better off.
Everyone would be rich
if nobody tried to become richer,
and nobody would be poor
if everyone tried to be the poorest.
And everybody would be what [s]he ought to be
if everybody tried to be
what [s]he wants the other fellow to be.
Donnerstag in einer Woche bin ich zu Hause. Ein paar Gebete und Gedanken haben mich waehrend meiner Zeit hier begleitet. Zwei Gebete, die wir vor der Arbeit sprechen:
O God, when I have food,
help me to remember the hungry;
When I have work,
help me to remember the jobless;
When I have a home,
help me to remember those who have no home at all;
When I am without pain,
help me to remember those who suffer,
And remembering,
help me to destroy my complacency;
bestir my compassion,
and be concerned enough to help;
By word and deed,
those who cry out for what we take for granted.
Amen.
A Thanksgiving Prayer
by Samuel F. Pugh
You will soon see that charity is a heavy burden to carry
heavier than a bowl of soup and the full basket
but you will keep your gentleness and your smile
it is not enough to give bread and soupthis the rich can do
you are the servant of the poor, always smiling and always good humored
they are your masters, terribly sensitive and exacting masters, you will soon see
the uglier and dirtier they are, the more unjust and insulting, the more love you must give them
it is only for your love alone, that the poor will forgive you, the bread you give to them
Amen
Saint Vincent de Paul
Jetzt ist es bald so weit. In zwei Wochen geht es fuer mich nach Hause. Einer meiner beiden Koffer ist schon gepackt – ich hatte ihn nie wirklich ausgepackt, denn er beinhaltet meine „guten“ Sachen, die ich hier nie getragen habe.
Ich schmiede Plaene fuer „meine Zeit nach den USA“ und bekomme zum ersten Mal in den sechs Monaten richtig Heimweh. Trotzdem sehe ich meinem Abflug mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Ja, ich freue mich auf Stuttgart, aber ich werde meine Arbeit, meine Freunde und auch das Leben in der Community vermissen. Mein Leben hat sich veraendert und auch ich habe mich veraendert.
Dorothy Day, Catholic Worker Movement und LACW
Als ich in Berlin die Projektbeschreibung durchlas, konnte ich mir wenig darunter vorstellen. Ich war zwar mit meiner Familie schon mal in Los Angeles im Urlaub gewesen, doch das war eben Freizeit, Spass, Sonnenschein, ein Mietwagen, eine freudige Kreditkarte… jetzt sollte ich in einer Suppenkueche arbeiten und mit einer Community zusammenleben. Ich hatte ein paar E-Mails an Clare geschrieben, sie hatte mir ein paar Fragen gestellt („Kannst du dir vorstellen, dein Zimmer mit jemandem zu teilen? Wie stehst du zur roemisch katholischen Kirche?“), ich hatte auf der Website ein bisschen herumgesurft und mir das Viertel, in dem sich die Suppenkueche befindet, auf Google-Earth angeschaut. Mein Vater meinte „da sind ja Zelte auf der Strasse aufgebaut und die Menschen schlafen auf der Strasse! Das sieht nicht ungefaehrlich aus!“
Ich zuckte bloss mit den Schultern. „Und wenn schon.“
Ich hatte wirklich keine Ahnung, worauf ich mich einliess.
Mein Flug lief ohne Komplikationen und die Einreisebeamtin stempelte mir ohne mit der Wimper zu zucken 7 Monate Aufenthalt ab, obwohl mein Freiwilligendienst nur 6 Monate ging. „Falls es Komplikationen mit deinem Flug gibt.“
Ich wurde von der warmen kalifornischen Sonne begruesst.
Im Bus outete ich mich schnell als nichtwissende Europaerin und bekam von allen Seiten Hilfe angeboten. „Du kannst mein Handy benutzen, hier meine E-Mail Adresse, falls du mal nen Kaffee mit mir trinken willst!“
Und dann stand ich an der Bushaltestelle und wurde einfach nicht abgeholt. Man muss dazu sagen, dass Union Station zwei Ausgaenge hat, die von einem langen Tunnel verbunden werden. Ich wartete natuerlich nichts ahnend am falschen Ausgang, waehrend Clare und Herman den anderen Ausgang absuchten und fast eine andere Deutsche versehentlich mitnahmen, die auch auf ihre Mitfahrgelegenheit wartete. Als ich dann Clare endlich traf, war ich total erleichtert. Ich hatte es geschafft!
Schnell gewoehnte ich mich an die doch etwas anderen Umstaende – Ameisen und Spinnen im Zimmer, klaeffende Hunde in der Nachbarschaft, laute mexikanische Musik und keine einzige ruhige Nacht, duenne Holzwaende, eine etwas defekte Waschmaschine. Alles kein Problem, ich fuehlte mich wie auf einer Abenteuerreise. Doch dann ging mir so langsam auf, was Leben in einer Gemeinschaft mit 20-30 Leuten bedeutet: Alles teilen, Verantwortung tragen, Toleranz und viel Geduld. Besonders in den letzteren Tugenden war ich nicht sehr geuebt. Dazu kamen die harte Arbeit und die ideologischen Erwartungen. In sogenannten Check-In Meetings wurde mir erklaert, was die Community von mir erwartete und ich aergerte mich, nicht mehr ueber Dorothy Day und die Catholic Worker Bewegung gelesen zu haben – war ich doch schon in den ersten paar Wochen viele Fettnaepfchen getreten.
Das Catholic Worker Movement wurde am 1. Mai 1933 von Dorothy Day und Peter Maurin als katholische Sozialbewegung in den USA gegründet. Aus der Bewegung gründeten sich – zuerst in den USA, dann weltweit – „Houses of Hospitality“, die in persönlicher Atmosphäre in verschiedenster Art und Weise benachteiligten Menschen helfen (Obdachlose, Behinderte, Arme…). Die Mitarbeiter verzichten meist auf Gehalt und leben damit in freiwilliger Armut um den Staat nicht durch Einkommenssteuern zu unterstützen. Weitere Leitideen sind neben freiwilliger Armut die „persönliche Beziehung“, “Grüne Revolution” und Gewaltlosigkeit. (Wikipedia)
Freiwillige Armut: Das erklaert wohl, warum einer meiner Koffer unausgepackt geblieben ist. Meine Sachen waren einfach „zu schick“. In unserem Haus leben mehrere „Gaeste“, die wir aufgenommen haben und die meist zwar mehr als wir besitzen, aber immer noch vergleichsweise arm sind. Die Idee ist, dass man Armen nur dann wirklich helfen kann, wenn man auf gleicher Stufe mit ihnen steht (womit ich nicht ganz einverstanden bin). Community-Mitglieder und Freiwillige bekommen deshalb ein 15$ woechentliches Taschengeld und davon leben und sparen sie. Viele haben keine Krankenversicherung. Da ist es kein Wunder, dass Sachen getragen werden, bis sie buchstaeblich zerfallen. Privates Essen wird nicht eingekauft. Die Community lebt von Essensspenden und den Geldspenden ihrer Unterstuetzer. Neue Anschaffungen werden dementsprechend lange hinaus gezoegert, da 95% des Geldes in die Arbeit in der Suppenkueche investiert werden. Ausserdem werden bestimmte Konzerne wie Coca Cola und Nestle aufgrund ihrer skandaloesen Machenschaften in Drittweltlaendern boykottiert. In Flaschen abgefuelltes Wasser ist tabu, denn das ist Privatisierung eines Allgemeingutes. (Es dauerte einen Monat, bis ich mich an den Chlorgeschmack des Leitungswassers gewoehnt hatte.)
Anarchismus und Ideologie: Viele Catholic Worker sind aus Ueberzeugung Anarchisten und verteufeln Staat und Kapitalismus, kurz „das Empire“. Dementsprechend wird auch die Bibel ausgelegt, (was mich immer noch stoert): Herrscher (Politiker) sind boese, Geschaeftsleute sind boese, ja eigentlich jeder, der irgendwie im System drin steckt, ist boese und Gott ist gegen den Staat. Besonders die LACW Community hat was ihre Radikalitaet betrifft einen ganz besonderen Ruf, wie ich bald feststellte, als ich ein bisschen durch die verschiedenen Catholic Workers reiste. Viele Communities haben zwar kommunistische oder anarchistische Mitglieder, stellen aber Glauben und politische Ueberzeugung den Freiwilligen frei. Das heisst, wenn es Gottesdienste, Bibelarbeit oder Andachten gibt, ist die Teilnahme freiwillig. Teilnahme an Demonstrationen und politischen Aktivitaeten ist auch freigestellt und vor allem wird nicht versucht, die Freiwilligen von irgendeiner Ideologie zu ueberzeugen. Nicht so bei den LACW. Da sind Bibelarbeit und Culture Critique Community-Aktivitaeten und damit Pflichtveranstaltungen. Ebenso gibt es einen straffen Wochenplan, bei dem alle kraeftig eingespannt werden. „It is not enough to give bread and soup, this the rich can do” ist eine Zeile aus einem Gebet, das wir vor der Arbeit sprechen, und diese Zeile gewinnt hier eine ganz neue Bedeutung. Waehrend in San Francisco allein schon die Arbeit in der Suppenkueche als Widerstand gegen den Kapitalismus und die Unterdrueckung der Armen und Obdachlosen gesehen wird, lassen sich in Los Angeles viele Communitymitglieder auf Demonstrationen verhaften und verbringen Zeit im Gefaengnis um dem System Widerstand zu leisten. Die Community ist meinem Gefuehl nach politisch und religioes extremer als die Communities an der Ostkueste, wo Dorothy Day wesentlich mehr Zeit verbracht hat. Aufgewachsen in einem politsch aufgeschlossenen Umfeld, in dem vieles diskutiert, aber nichts erzwungen wurde, hatte ich hier einiges zu Schlucken.
Meine Innere Reise
Waehrend der ersten drei Monate hatte ich das Gefuehl, mich staendig beweisen zu muessen: “Ja, ich halte die anstrengende Arbeit in der Suppenkueche aus, ja, ich kann Verantwortung uebernehmen, ja, ich komme mit 15$ die Woche aus, ja ich bin ein vollwertiges Mitglied.” Die Zeit war ein ziemlich Kampf fuer mich, mit Hoehen und Tiefen. Ich musste Toleranz und Kritikfaehigkeit im Schnellverfahren lernen. Dabei half mir das Enneagram, ein Modell aus 9 Persoenlichkeitstypen die durch bestimme Staerken und Schwaechen gekennzeichnet werden. Danach fiel es mir viel leichter, bestimme Communitymitglieder zu verstehen und zu akzeptieren und an mir selbst zu arbeiten. Um mich moeglichst schnell anzupassen und Konflikten aus dem Weg zu gehen, schluckte ich viele Dinge einfach hinunter und versuchte die Ideologie als meine eigene zu akzeptieren.
Doch dann kam mein zweiwoechiger Aufenthalt in New York und ich begann, aus einer gewissen Distanz heraus mein bisheriges Leben zu reflektieren. Ich merkte: Das bin nicht ich. Ich will das nicht und ich stimme mit der Ideologie nicht ueberein. Ploetzlich kamen mir viele Ansaetze verlogen oder scheinheilig vor. Am meisten stoerte mich, dass die Community ausserhalb des Systems leben will, aber auf die Spenden von Menschen angewiesen ist, die im System leben, normale Jobs haben, ein normales Leben leben. Und diese Menschen sollten so schlecht sein? Dazu kam die freiwillige Armut, die fuer mich oft einfach keinen Sinn ergeben wollte – ich war doch auf einer Reise, hatte dafuer gespart und jetzt sollte ich mir nichts goennen duerfen? Und wie sollte man Armen helfen, wenn man selbst nichts hatte? Ich wollte nicht dauernd auf andere angewiesen sein. Niemand wollte das, oder…? Und zuletzt meine Schwierigkeiten mit dem Glauben. Ich fuehlte mich total eingeengt, in etwas hineingepresst, das mit meinem persoenlichen Glauben nicht vereinbar war. Mein Gott war nicht so, wie manche Communitymitglieder ihn gern gehabt haetten.
Ich hatte das Gefuehl, nicht mehr atmen zu koennen. Ich fuehlte mich wie ein Tiger im Kaefig.
Ich war kurz davor, die Community zu verlassen.
Zum Glueck hatte ich in den Monaten davor ein paar Freunde in Los Angeles gefunden. Diese beruhigten mich und sprachen mir Mut zu und ich lernte, zu unterscheiden.
Was moechte die Community? Was moechte ich? Was habe ich hier gelernt und erfahren, was ich in meinem zukuenftigen Leben beibehalten will? Womit stimme ich ueberein, was lehne ich ab?
Und ploetzlich erkannte ich, was fuer eine Schatztruhe ich hier gefunden hatte. Ich merkte, dass dieser Ort unglaublich inspirirend sein konnte, wenn ich nicht den Anspruch hatte, alles eins zu eins uebernehmen zu wollen. Ich begann mir ein „gerechtes“ Leben auszumalen, wie ich es selbst leben koennte: In Solidaritaet mit Benachteiligten, mit Bewusstsein fuer soziale Gerechtigkeit, in Frieden mit Mensch und Natur, in Vertrauen auf Gott und mit einem Job, der ein Stueck zu einer besseren Welt beitragen wuerde und mir finanzielle Eigenstaendigkeit auch auf Hinsicht von Familienplanung garantieren wuerde.
Von da an kam ich viel besser mit der radikalen Ueberzeugung der Community klar.
Zwei Koffer und eine Schatztruhe
Jetzt ist es bald so weit. Jetzt geht es bald nach Hause. Doch ich nehme mehr mit als meine beiden Koffer – ich nehme eine ganze Schatztruhe an Erfahrungen mit.
Ich habe Toleranz und Gelassenheit gelernt. Ich habe meine Angst vor Veraenderungen verloren. Ich habe erfahren, was es fuer ein Gefuehl ist, mit 15$ in der Tasche durch die Einkaufsmeilen Los Angeles’ und New Yorks zu spazieren. Ich habe Armut und Obdachlosigkeit hautnah gespuert. Ich habe gemerkt, dass Hygiene relativ ist und sehe eine funktionierende Dusche und Waschmaschine inzwischen als Luxus. Ich habe gelernt, dass es fuer jedes Problem eine Loesung gibt und dass man auch ueber schwierige Dinge mit Menschen reden kann. Ich habe gelernt, dass es manchmal besser ist, einfach den Mund zu halten. Ich kann schwere Arbeit ohne Murren hinnehmen und viel Erfuellung darin finden, anderen Menschen zu dienen. Ich habe gelernt, Menschen zu akzeptieren wie sie sind. Ich habe gelernt, zu beobachten und zuzuhoeren. Und ich habe gelernt, kleine Dinge wertzuschaetzen, denn mir ist zum ersten Mal bewusst geworden, wie reich ich bin.
Jetzt weiss ich, dass dieser Freiwilligendienst die richtige Entscheidung war. Ich bin der Community sehr dankbar fuer alles, was ich gelernt habe. Natuerlich haette in einem anderen Projekt vieles fuer mich einfacher sein koennen, aber dann haette ich laengst nicht so viele wichtige Dinge gelernt. Es war gut, hier zu sein.
Gott,
gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut,
Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit,
das eine von dem andern zu unterscheiden.
(Reinhold Niebuhr, 1943)
Die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, sind sehr persoenlich und meine Schilderungen subjektiv. Viele Freiwillige erfahren die Community ganz anders. Deshalb lassen sich aus meinen Beschreibungen keine direkten Rueckschluesse auf die Community ziehen. Vielleicht war die Community nicht der perfekte Ort fuer mich, viel eher war ich aber nicht die perfekte Freiwillige fuer die Community.
Die letzten 10 Tage habe ich mit Melissa und Tobie in Half Moon Bay und mit den netten Leuten von Martin’s in San Francisco verbracht! Ich habe viel gesehen und viel Spass gehabt. Besonders die unkomplizierte und warmherzige Gastfreundschaft hat mir meinen Aufenthalt versuesst. Von Melissa und Tobie wurde ich sogar zum Essen eingeladen, als sie ihre Zusage erhalten haben, eine Suppenkueche eroeffnen zu duerfen. An meinem letzten Tag habe ich mich dafuer mit Cheesecakes in der Cheesecake Factory revanchiert.
In San Francisco wurde ich total herzlich von Charlie empfangen, als sei ich eine alte Freundin, obwohl wir uns vorher nie gesehen hatten. Er hat eine Tochter in meinem Alter und wir hatten gute Gespraeche. Ich hatte ein eigenes Zimmer mit Internetzugang, saubere Bettwaesche und Handtuecher - juhu!! Ich wurde rund um mit allen versorgt, was es so zum Leben braucht. Vielen Dank!
Natuerlich habe ich die Zeit genutzt, um mir die Stadt anzuschauen. An zwei Nachmittagen habe ich die Strassen zu Fuss erkunden und jeweils ueber 20km zurueckgelegt. Am dritten Tag habe ich den Bus genommen.
Einen Tag habe ich bei Martin’s mitgeholfen. Die Suppenkueche hat Aehnlichkeiten mit LA, ist aber doch ganz anders. Abends gab es ein Open Mic und ich habe die teils amuesanten, teils tiefgaengigen Gedichte und Songs genossen, die von Gaesten vorgetragen wurden.
Ausserdem habe ich den Pro Life Walk mit einer Collegestudentin, die ich im Amtrak kennen gelernt hatte, protestiert. Pro Life hat das Ziel, Abtreibungen in Kalifornien wieder illegal zu machen und ist hauptsaechlich von der Kirche iniziiert. San Francisco trotzt den konservativen Stroemungen durch seine gemischt-bunte Bevoelkerung. Die Stadt ist nach wie vor ein Mekka der Liberalen und im Castro Viertel duerfen Schwule einfach schwul sein und haendchenhaltend durch die Gassen schlaendern. Nachdem Prop 8 durchgekommen ist, ist das Schwulen- und Lesbenviertel San Franciscos echt eine Augenweide. Auch wenn Homosexuelle in Kalifornien nicht mehr heiraten duerfen, gestalten sie zumindest in San Francisco ihr Leben so, wie sie wollen und werden respektiert. (Uebrigens: Gerade laeuft noch der Kinofilm ueber Harvey Milk, den “Buergermeister von Castro” - sehenswert!)
Auch viele Althippies, Punks und Oekofreaks sieht man in SF. Es gibt nicht nur viele Supermaerkte, die Local and Organic Food anbieten - die ganze Stadt ist auf gruen gepolt. Die Busse fahren an Stromleitungen, die Menschen fahren Fahrrad und lassen das Auto (dank steiler Strassen und mangelnder Parkplaetze) stehen. Oeko ist einfach cool geworden
Ausser Martin’s habe ich auch die Catholic Worker in San Bruno und Redwood City besucht und Einblicke in deren Arbeit gewonnen. Vielen Dank!
In einem Reservoir in der Naehe von Half Moon Bay haben die beiden Maedels und ich Elephant Seals ganz aus der Naehe betrachten koennen, die dort am Strand ihre Jungen zur Welt bringen. Sehr beeindruckende Tiere!
Mein kleiner Urlaub war somit sehr abwechslungsreich und trotz nebel-regen Wetters sehr erholsam. Nicht zu letzt die komfortable 11stuendige Amtrakfahrt an der Kueste, die ich sehr genossen habe!
Fuer alle, die es bis jetzt noch nicht aus meinen Artikeln heraus lesen konnten: Kalifornien ist eine Reise wert!
Fotos:
Anreise Amtrak - Strand Half Moon Bays, wo Mavericks statt findet (Surf Contest)
Joeno, ich, Jake vor dem Japanese Tea Garden - Ferry Building, Embarcadero
Bay Bridge nach Oakland - Fishermans Wharf
Transamerican Pyramid - Elephant Seals beim Kampf
Melissa, Tobie, ich in der Cheesecake Factory am Union Sq - Sonnenuntergang Heimfahrt mit dem Amtrak
Nach dem mein Silvesterabend ziemlich deprimierend war, habe ich mich heute um 5 Uhr morgens aus dem Bett gequaelt um zur Rose Parade nach Pasadena zu fahren. Das hat sich auch wirklich gelohnt! Die Floats (also die dekorierten Waegen) waren beeindruckend und die Marching Bands auch nicht uebel. Dazu noch die mega Stimmung vor dem nahenden Rose Bowl Football Game… und nicht zu letzt
der B-2 stealth bomber der ueber die Parade hinweggeschossen ist. Ich hatte nie gehofft so ein Ding von so nahe zu sehen. Auch wenn ich die Bestimmung des B-2 nicht unterstuetze fand ich es beeindruckend, den ufoaehnlichen Bomber direkt ueber dem Kopf zu haben ![]()
Am 20. Dezember war ich in T-Shirt und Shorts joggen. Das ist Weihnachtszeit in Los Angeles! Das Bild hier habe ich heute Morgen (also am Morgen von Heilig Abend) aufgenommen. Hier schneit es nie, es regnet nur. Und wird seeeehr kalt. In den letzten Tagen musste ich viel an Leute denken, die ich kenne, und die auf der Strasse leben. Waehrend wir mit Apple Cider und Cookies Weihnachtslieder im geheizten Wohnzimmer getraellert haben, haben sich die Leute da draussen einen trockenen Schlafplatz in einem Hauseingang gesucht, um am naechsten Morgen vom Sicherheitspersonal verscheucht zu werden. Waehrend wir im Bett lagen (zwar mit Wollmuetze, Winterjacke und dicken Decken, wir haben keine Isolierung), haben sich die Obdachlosen mit ihren Reisetaschen, Tueten und Saecken wieder auf den Weg gemacht um Schlange zu stehen. Schlange um zu duschen, um ihre wenigen Kleidungsstuecke zu waschen, um Essen und medizinische Versorgung zu bekommen… ein Freund von mir, der auch auf der Strasse lebt, meinte: Wenn diese Menschen die Energie, die sie in ihr taegliches Ueberleben investieren, in die Suche nach einem Job stecken wuerden, dann koennten sie bald schon reich sein und ein eigenes Haus haben.
Da hat er nicht ganz unrecht. Trotzdem tun mir die Menschen auf der Strasse besonders jetzt zur Weihnachtszeit unglaublich leid. Umso wichtiger, dass wir ihnen ein Stueck von der Waerme geben, die wir im trauten Kreis mit Freunden und Familie waehrend der Feiertage erleben.
Merry Christmas!
Vom 17. November bis 3. Dezember war ich in New York im Mary House. Das Mary House befindet sich im East Village (also Manhatten) und bietet Frauen die Moeglichkeit sich zu duschen, zu essen und neue Kleidung zu bekommen.
Ich habe es sehr genossen Manhatten zu Fuss zu erkunden: Union Square, Times
Square, Central Park, Broadway rauf und runter. Ich war am Hudson und am East River, in Soho und Greenwich Village, auf der Wallstreet und auf der Freiheitsstatue. An einem Tag bin ich auch nach Washington DC gefahren. Leider hat es an dem Tag ununterbrochen geregnet, und so wurde es nur ein kurzer Trip. Von dort habe ich auch eine dicke Erkaeltung mitgebracht - aber die Hauptstadt war es allemal wert!!
Auch sonst habe ich nur gute Erfahrungen gemacht. Mit den Leuten in NY kam ich super gut klar! An dem Tag meiner Washington Tour habe ich mir ein Taxi nach Chinatown genommen. In Chinatown faehrt ein Bus ab, der dann in den Chinatowns von Philadelphia, Baltimore und Washington haelt. Die Fahrt dauert 6h und kostet 20$. Jedenfalls fragte ich den Taxifahrer nach dem Preis von East Village nach Chinatown. Er meinte nur “How much do you have?” und ich “not much.” Daraufhin erzaehlte ich ihm von meiner Arbeit. Er war sehr interessiert und als wir an der Bushaltestelle angekommen waren, fragte ich ihn nach dem Preis. Er laechelte und sagte: “You help the poor, I help you.” Das ist mir noch nie passiert!!
Auf dem Rueckflug hatte ich dann eine dicke Erkaeltung und ich glaube auch Fieber. 4h war ich im Regen durch Washington marschiert,
fest entschlossen alle Sightseeing Punkte abzuklappern - schliesslich hatte mich die Tour ja 40$ insgesamt gekostet. Am naechsten Tag fuhr ich dann mit der Faehre zur Freiheitsstatue und nach Ellis Island. Der Fahrtwind besiegelte meinen Schnupfen.
Im Flugzeug war ich dann nur am Niesen und Naseschneuzen, was mir ziemlich unangenehm war. Doch meine Nebenpassagierin war total verstaendnisvoll. Es stellte sich heraus, dass die eine Schauspielerin ist und zwischen Broadway und Hollywood hin und her tourt. Am Flughafen kaufte sie mir einen Tee und fuhr mich dann bis halb nach Hause - weil ich ihr so leid tat!! Dabei hatte SIE einen total schrecklichen Tag hinter sich. Morgens hatte sie ihren Blackberry in den Spalt zwischen Bahnsteig und Airtrain fallen lassen, dann hatte sie ihre Haltestelle verpasst, daraufhin auch ihren Flug und eine Audition fuer eine Show. Und alles, worum sie sich kuemmerte, war meine Erkaeltung. Ruehrend
NY war also einfach super!!!
Ein paar Impressionen. Oben links: Union Square, rechts Blick auf die Skyline von der Brooklin Bridge, links mitte weisses Haus, rechts… 3x duerft ihr raten!!
Und hier untern noch ein paar mehr Bilder: Hudson, Times Square, Central Park, Flat Iron
Am 2. November war ich mal wieder in Santa Monica (wie so oft) um mir eine Austellung von MSF anzuschauen, “A Refugee Camp in the Heart of the City”. Sehr bildlich wurde in einer 45 minuetigen Tour die Situation von Fluechtlingen aus Laendern wie z.B. Somalia oder Sudan dargestellt. Dabei gibt es einen grossen Unterschied, ob jemand eine IDP (internally displaced person) oder ein refugee ist (also ein Fluechtling, der die Grenze seines Landes ueberschritten hat). Refugees haben seit den Genfer Konventionen abgesicherte Rechte auf Versorgung, Unterkunft, Medizinische Hilfe, etc. IDPs haben kaum Rechte. Fuer die Hilfsorganisationen ist es sehr schwierig, diese Rechte fuer Fluechtlinge einzufordern.
Angefangen von der ueberraschenden Flucht (”Stellen Sie sich vor, Sie fahren Montagmorgens zur Arbeit und ploetzlich wird LA bombardiert”) ueber hygienische Massnahmen, medizinische Versorgung, bis zur langfristigen Lebensgestaltung in einem Fluechtlingslager wurde das Leben von Fluechtlingen an verschiedenen Stationen verdeutlicht.
Zuerst musste die Besuchergruppe die Grenzstation zu einem anderen Land passieren. Es gibt kaum eine Moeglichkeit, die Grenze anderswo zu ueberschreiten, da das Grenzgebiet ueblicherweise vermint ist. An der Schranke wartet oft ein Kindersoldat, high von Drogen, mit einem Maschinengewehr, der auf alles scharf ist, was sich gut verkaufen laesst. Besonders, wenn sich ein Fluechtling nicht ausweisen kann, muss die Bestechung sehr hoch sein. Das geht so weit, dass verzweifelte,arme Familien 1-2 Kinder zurueck lassen, die danach wiederrum zu Soldaten trainiert werden.
Weiter geht die Reise - zu Fuss. Oft reichen die Wasservorraete nur fuer wenige Tage, ganz zu schweigen von Nahrung, Kleidung, Medizin. Die Fluechtlinge sind traumatisiert, wenn sie schliesslich an einem sicheren Ort ankommen. MSF versucht diese Orte ausfindig zu machen, schaut, ob sich dort ein Fluechtlingslager errichten laesst und baut dann Zelte auf, sucht nach Wasserquellen, leistet Erstversorgung…
Oft stoesst MSF auf Hindernisse. Z.B. ist es fuer uns normal, gechlortes Wasser zu trinken. Der Geruch suggeriert uns: Dieses Wasser ist sauber. Menschen, die in kleinen Doerfern im Herzen Afrikas lebten, kennen das nicht und denken, das Wasser sei vergiftet / schlecht. Deshalb muss viel Aufklaerungsarbeit betrieben werden - denn Chlor ist in Fluechtlingslagern die einzige Moeglichkeit, Wasser sauber zu halten und den Ausbruch von Cholera zu verhindern.
Auch die Benutzung der Latrinen und andere alltaegliche Hygienemassnahmen muessen erklaert und durchgesetzt werden… MSF versucht jedem Fluechtling pro Tag 4 Liter Wasser bereitzustellen. Bei Temperaturen ueber 40 Grad muss man mind. die Haelfte davon trinken, fast der gesamte Rest wird gebraucht um die Tagesration an Bohnen und Reis zu kochen (je 1-2 Tassen, was fuer 2 Mahlzeiten reicht). Wenn Fluechtlinge im Fernsehen schmuddelig und dreckig erscheinen ist das gewiss nicht, weil sie so leben wollen oder es nicht besser wissen - sie haben schlichtweg nicht die Moeglichkeit, sich zu Waschen, weil es zunaechst ums nackte Ueberleben geht!
Auch Gesundheitsaufklaerung ist wichtig. Krankheiten verbreiten sich rasant, wenn so viele Menschen zusammengepfercht leben. Besonders Masern raffen Kinder unter 8 binnen kuerzester Tage hinweg. Deshalb wird schon ein einziger Fall von Masern als Ausbruch registriert und danach werden alle Kinder innerhalb einer Woche geimpft. Das ist eine grosse logistische Herausforderung - weil der Impfstoff gekuehlt gelagert werden muss (im Lager gibt es ja keine Elektrizitaet) und erst mal weeeeeeit transportiert werden muss (meistens aus der naechst groesseren Stadt ueber mehrere Tage). Malaria und Cholera sind die zweitmeisten Todesursachen. Auch hier ist sofortige Hilfe wichtig. Oft ist das Heilmittel sehr simpel, doch die Menschen muessen ausreichend informiert sein, damit die Hilfe nicht zu spaet kommt. Natuerlich ist auch Aids ein grosses Thema. Und es werden viele Kinder geboren - das Leben geht ja weiter.
Am meisten hat MSF aber mit Unterernaehrung zu kaempfen. Und rettet taeglich hunderte von Kindern vor dem Verhungern!
Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Aertze ohne Grenzen sehr gut wissen, was sie tun und versuchen den Menschen bestmoeglich zu helfen. Trotzem erheben sie nicht den Anspruch, die Antwort auf alle Fragen zu sein. Sie versuchen den Fluechtlingen erst das UEBERleben und danach ein LEBEN zu ermoeglichen. Oft umfassen die Camps 30.000 Menschen oder mehr und ganze Generationen wachsen auf, ohne das Camp je verlassen zu haben.
Wie ihr merkt, bin ich zutiefst beeindruckt und inspiriert von der Arbeit von MSF!
Nach meinem Besuch bei MSF habe ich mit vielen anderen gegen Proposition 8 demonstriert. In Kalifornien wird heute (Dienstag) nicht nur der Praesident gewaehlt, sondern auch ueber Propositions, also Gesetzeszusaetze abgestimmt. Eine der haarstraeubenden Propositions ist Prop 8. Sie will die “Homoehe” rueckgaengig machen und Homosexuelle in ihren grundlegenden Rechten beschneiden. Viele Amerikaner sind sehr homophob und denken sich wildeste Geschichten aus, warum Prop 8 durchgesetzt werden soll.
Merkwuerdig ist, dass die Republikaner damit argumentieren, dass Prop 8 die “Traditionelle Ehe” wieder in Kraft setzen soll. Prop 8 verbietet zwar die Gleichgeschlechtliche Ehe, enthaelt aber keinen Kommentar ueber Scheidungen. Wenn Prop 8 wirklich die Werte der katholischen Kirche bezuegl Ehe durchsetzen will, dann sollte gleichzeitig die Scheidung abgeschafft werden - finde ich. Und nicht Homosexuelle diskriminieren.
Auch andere Propositions, so wie Prop 6, sind sehr krass. Prop 6 steht fuer die Strafverfolgung 14jaehriger als Erwachsene. D.h. Minderjaehrige koennten dann wie Erwachsene verurteilt werden - selbst zur Todesstrafe. Fakt ist aber, dass das Gehirn eines 14jaehrigen nicht wie das eines 21jaehrigen arbeitet. Ich hoffe, dass sowohl Prop 6 also auch Prop 8 nicht durchgesetzt werden. Beide Propositions wuerden bestehende, sinnvolle Gesetze rueckgaengig machen.
Auf jedenfall ist das hier ein spannender Tag. Wenn Obama Praesident wird - haelt er seine Versprechen? Kann Amerika nochmal eine Republikaner-Periode verkraften?
Morgen wissen wir mehr!
Gestern habe ich nicht nur einen Kuerbis ausgehoehlt, sondern auch unsere Veranda fuer die Trick or Treaters dekoriert. Leider haben die meisten nicht zu uns gefunden, weil das Haus etwas versteckt liegt. Zum anderen hatten die Laeden auf der grossen Einkaufsmeile auf Cesar E Chavez aus Sicherheitsgruenden geoeffnet und Suessis ausgegeben (Cesar E Chavez ist die grosse Querstrasse zu unserer Strasse) . Deshalb haben sich dort die Menschenmassen von Laden zu Laden geschoben. Zieeeeemlich bizar!
Danach haben wir Seven geschaut (den Film hatte ich schon 2x gesehen) und Tecate getrunken, kombiniert mit Keks mit Nutella. Die Rechnung kam heute: Ich passe nicht mehr in meine Hosen. Ein trauriger Tag in der Geschichte eines Catholic Workers… aber keine Bange. Wir nehmen hier ALLE zu, JUHU!!! ![]()